Veranstaltungsberichte

Hier finden Sie ausführliche Berichte über einige unserer Veranstaltungen

 

Freitag, 07. Mai 2010: "Märchenstunde mit Annie Vollmers - Geschichten aus alten Zeiten"

Die Hexe fährt einen Lebkuchenbagger

Dass auch Erwachsene viel Spaß an Märchen haben können, bewies Annie Vollmers mit ihrer Lesestunde am 7. Mai in der Stadtbibliothek Diez. „Märchen sind wichtig im Leben, sie haben jeden von uns tief geprägt, zum Beispiel in unserer Hoffnung, dass es das Gute doch immer irgendwie schafft“, ist Annie Vollmers überzeugt. Deshalb war die Vorleserin besonders am Gespräch mit ihrem Publikum interessiert, fragte nach dessen Lieblingsmärchen und Erinnerungen. Im Kerzenlicht und mit einem Glas Wein vom Weinhaus Diez entstand so eine ganz besondere Stimmung.
Die Auswahl der Texte reichte von Gedichten von Theodor Storm über Kunstmärchen von Hans-Christian Andersen, den Grimmschen Hausmärchen bis hin zu Ludwig Bechstein und Geoffrey Chaucer. Aus den „Canterbury-Tales“ des im 14. Jahrhundert lebenden englischen Schriftstellers brachte Annie Vollmers selbst übersetzte Ausschnitte zu Gehör. So das Märchen von den drei Halunken, die ausziehen, den Tod zu besiegen, und sich stattdessen von ihrer Habgier gegenseitig in den Tod treiben. „Chaucer ist so modern, er könnte heute leben“, meint Annie Vollmers.
Ludwig Bechstein war als Märchensammler seinerzeit berühmter als seine Zeitgenossen, die Grimm-Brüder, doch heute sind seine Bücher fast in Vergessenheit geraten. Annie Vollmers wählte eine deftige Variante der typischen drei Prüfungen, die ein junger Mann bestehen muss, um die Königstochter heiraten zu dürfen: Am Ende bringt der Held nicht nur den König dazu, einen Esel unter dem Schwanz zu küssen, sondern auch noch die Königstochter vor der Hochzeit in sein Bett.
Bei den „Drei Spinnerinnen“ malte Annie Vollmers für ihre Zuhörer das Bild aus, wie die Brüder Grimm bei den einfachen Leuten in der Hütte saßen und ihren Erzählungen lauschten, während das Spinnrad surrte. Dieses Märchen habe eine besondere Bedeutung für sie, verriet Vollmers: Als Kind habe sie es mal gehört und sehr geliebt, aber den Titel nie erfahren. Erst Jahre später stolperte sie durch Zufall wieder über die Geschichte eines faulen, aber freundlichen Mädchens, das durch die Hilfe der drei hässlichen Spinnerinnen ihr Eheglück findet.
Ganz anders gestalten sich die Märchen, die der dänische Schriftsteller Hans-Christian Andersen entwarf. Vollmers wählte mit der „Stolzen Kaffeekanne“ eine eher unbekannte, aber feine Geschichte von einer Kanne, die zerbricht und als Blumentopf eine neue Bestimmung findet. „Andersens Märchen wachsen mit einem“ schwärmte Vollmers. „Man liest sie immer anders, je älter man wird.“
Bevor Vollmers ihre Zuhörerschaft in ein angeregtes Gespräch entließ, las sie von der zeitgenössischen Kinderbuchautorin Kirsten Boie die Neuinterpretation „Hänsel und Lisa“ und brachte damit den endgültigen Beweis dar, dass gute Literatur nicht vom Alter ihres Zielpublikums abhängt. Der Vater möchte die kleine Lisa dazu bringen, aufs Töpfchen zu gehen und erzählt ihr deshalb das Märchen von „Hänsel und Gretel“. Allerdings verlangt das willensstarke Töchterchen einige Änderungen: Nicht nur wird Gretel in Lisa umgetauft, sondern fahren die beiden mit Dreirädern in den Wald und schubsen die Hexe aus ihrem Lebkuchenbagger.

Text und Fotos: Andrea Weil

 

Donnerstag, 01. Oktober 2009: „Chinesischer Abend“

Freundschaft ist wie ein Becher voller Wasser
Chinesische Kultur in der Stadtbibliothek

Die Guzheng weint – so hört es sich für die Besucher des Chinesischen Abends in der Stadtbibliothek zumindest an. Fremdartig anmutende Klänge erfüllen den Raum und verzaubern die Zuhörer. Hervorgerufen werden die getragenen und harmonischen Melodien des altchinesischen Musikinstruments von der zehnjährigen Jasmin Lü. Flink huschen ihre Finger über die Saiten und nehmen einen mit auf eine Reise nach Osten.

China lässt sich nicht so einfach definieren. Dafür ist das Land zu groß und zu vielfältig. Es erstreckt sich über mehrere Klimazonen hinweg und weist starke Unterschiede zwischen Stadt- und Landleben auf. Dieser Abend ist ein Versuch, die chinesische Kultur fassbarer zu machen und sie den „Langnasen“, wie Westler immer noch genannt werden, nahe zu bringen. Verschiedene Referenten berichten über ihre Erfahrungen im Land des Drachen. Das Interesse ist groß. Ob es an dem sechzigjährigen Geburtstag der Volksrepublik China, an dem Status als Gastland der Frankfurter Buchmesse oder an der gerade präsentierten Ausstellung chinesischen Schattentheaters im Sophie-Hedwig-Gymnasium liegt, bleibt dem Betrachter frei gestellt.

In den letzten zwanzig Jahren fand vor allem in den großen Städten wie Peking eine rasante Entwicklung statt. Rudi Holzhäuser, von 1985-89 Leiter der deutschen Schule in Peking bot sich noch der Anblick fast leerer Stadtautobahnen, die sich heute zu jeder Stunde des Tages in der Rush Hour zu befinden scheinen. Nichtsdestotrotz war seine erste Anschaffung ein Fahrrad, das wichtigste Fortbewegungsmittel in China, auf dem auch schon mal eine ganze Hühnerschar transportiert wird.

Auch Ariane von Bergh war mit für Europäer ungewöhnlichen Bräuchen in Kontakt gekommen: Geschenkte Schweinsköpfe als Beweis der Zuneigung nach einer erfolgreichen Verkupplung, das Tragen eines neuen Kleidungsstücks am Frühlingsfest oder nackte Babypopos anstatt Windeln. Die Studentin der Chinesischen Medizin hat bereits mehre Monate in China verbracht. Ob mit dem Rucksack oder im Praktikum – die Deutsche wurde sogar als lokale Berühmtheit im Fernsehen vorgestellt. Ohne chinesische Sprachkenntnisse wäre das nicht möglich gewesen. Kommt man in den Metropolen noch häufig mit Englisch weiter, so hat das Gesprochene tief in den Provinzen manchmal nicht einmal mehr viel mit der offiziellen Hochsprache gemeinsam.

Bei einer Tasse Tee und Reiscrackern kamen die Besucher ins Gespräch. Erfahrungen wurden ausgetauscht, Anekdoten erzählt und das weite entfernte China lag plötzlich direkt nebenan. Prof. Dr. Longpei Lü, der Vorsitzende des Vereins der Deutsch-Chinesischen Wirtschaft und Kultur Wetzlar-Braunfels e.V. und seit 30 Jahren in Deutschland, gab abschließend seiner Begeisterung für die Aufgeschlossenheit und menschliche Wärme Ausdruck, die in den Berichten zum Vorschein gekommen seien. Nur durch kulturelle Offenheit könnten Fremdes vertraut werden und Ängste verschwinden. Dann kann auch der Becher mit Freundschaft angenommen werden, der von Anfang an bis zum Rand gefüllt ist.

Drei Stunden Musik, Literatur, Küche und Kultur ließen Grenzen verschwimmen und malten das lebhafte Bild eines faszinierenden Landes voller Widersprüche. Wer sich weiter darüber informieren möchte, kann auf ein reichhaltiges Literaturangebot der Stadtbibliothek Diez zurückgreifen.

Bild: Eckhard Muser

 

30. April 2009: André Wiesler - "Von Blutsaugern, Hexen und Menschenfressern

Neben mir sitzt ein Werwolf
Autor André Wiesler klärt Stadtbibliotheksbesucher auf

„Los, weinen!“, befiehlt André Wiesler mit fast freundlicher, aber bestimmter Inquisitorenstimme. Christine Röver versucht es. Verzieht das Gesicht, reibt sich die Augen. „Hexen können nicht weinen. Also ab auf den Scheiterhaufen!“, sagt Wiesler. Die Frau hat die „Tränenprobe“ nicht bestanden.

Passend zur Walpurgisnacht am 30. April hatte Monika Scharf von der Stadtbibliothek Diez den Autor aus Wuppertal mit seinem Programm „Von Blutsaugern, Hexen und Menschenfressern“ eingeladen. Die Zuhörer erwartete ein Seminar über die dunklen Gestalten der fantastischen Literatur und Filmgeschichte, untermalt mit schauriger Musik und düsteren, stimmungsvollen Bildern. „Wegen einer einfachen Wasserglaslesung gehen die Leute heute nicht mehr aus dem Haus“, erklärte Wiesler seine Idee. Weil er für seine Fantasy-Bücher ohnehin über Hexen, Werwölfe und Vampire recherchierte, kam ihm der Gedanke, die Ergebnisse seinem Publikum zu vermitteln – auf möglichst spannende und humorvolle Art und Weise.

Zu Beginn überraschte Wiesler die Zuhörer in der Stadtbibliothek mit einer einfachen Hochrechnung, nach der sich mehrere Werwölfe unter ihnen befinden müssten: Lege man die Geschwindigkeit an, mit der der erste Werwolf in einem Hollywood-Film 1942 seine Opfer infizierte, könne heute nur jeder 25. Mensch auf der Welt kein Werwolf sein. „Denken Sie darüber nach, was das für Ihren Sitznachbarn bedeutet!“, forderte Wiesler auf. „Silberkugeln können Sie in der Pause an der Essenstheke erstehen.“

Das Publikum lernte, dass sich moderne Werwölfe gerne auf Schrottplätzen aufhalten und dass der Autor des berühmten Dracula-Romans, Bram Stoker, gnadenlos von einem älteren Buch der schottischen Reiseschriftstellerin Emily Gerard geklaut hatte. Wiesler ließ einen „Nachzehrer“ hinter einem Grabstein sich laut schmatzend selbst verzehren und klärte auf, dass eine echte Vampirfledermaus nicht mehr als 25 Milliliter Rinderblut pro Nacht braucht. Passend zu jeder Gestalt las Wiesler mit schauspielerischem Talent einen Ausschnitt aus seinen Romanen vor.

Die zweite Hälfte seines Vortrags widmete Wiesler voll und ganz den Hexen, zunächst als Märchengestalten, dann als reale Opfer der Hexenverbrennung. „In ‚Hänsel und Gretel’ will sie die Kinder einer Lebensmittelverwertung zuführen – wer will es ihr verdenken, bei den ganzen Fleischskandalen?“, kommentierte der Autor. Die Inquisition, so grausam und barbarisch sie heute erscheint, habe aber erstmals die Beweisführung in den Mittelpunkt gestellt. „Ihr Ziel war nicht das Verbrennen, sondern sie wollte Ketzer zur Umkehr und Buße bewegen“, sagte Wiesler auf. Auch seien die vermeintlichen Hexen nicht im „finsteren Mittelalter“, sondern in der Zeit der Aufklärung (Beginn Ende 15. Jahrhundert) ermordet worden.

So oder so schätzten sich die faszinierten Zuhörer glücklich, alles mit einem wohligen Gruseln über sich ergehen lassen zu können – allen voran „Hexe“ Christine Röver.

Text und Bilder: Andrea Weil

24. Oktober 2008: "Hans Georgi & Co: Der Spitzenverkäufer Heinrich Top"

Kabarett in der Stadtbibliothek
Seminar für angehende (Volks-)Vertreter

„Ein Vertreter ist jemand, der ein bestimmtes Produkt verkauft“, überlegt Hans Georgi laut. „Ein Volksvertreter ist folglich jemand, der das Volk ver… aber nein!“, unterbricht sich der Kabarettist gespielt entsetzt. Das Publikum in der Stadtbibliothek Diez lacht und klatscht.
„Der Spitzenverkäufer Heinrich Top“ hieß das Programm, mit dem der Mann aus Roetgen – „Zugezogener, also Gelittener“ – am Freitagabend, 24. Oktober, auftrat. Unterstützt von „& Co“, Meinolf Bauschulte, hielt Georgi mit den rund 35 Zuhörern ein Seminar ab, das sie zu perfekten Vertretern machen sollte. Ging es bei seinem vergangenen Auftritt vor drei Jahren in der Bibliothek mit Erich Kästner um ein eher literarisches Thema, nahm das Musik-Kabarett diesmal Alltag und Politik aufs Korn.

Mann mit vielen Gesichtern

Dafür schlüpfte Georgi in die verschiedensten Rollen: Als „Einklatscher“ maß er den Applaus des zu Beginn noch etwas schüchternen Publikums und kritisierte die „mickrigen acht Dezibel“. Kaum waren die Zuhörer auf „Betriebstemperatur“, wechselte Georgi den Baumarktmantel gegen ein Jackett und legte den Dialekt ab. Der Seminarleiter Top klärte die „künftigen Verkäufer“ über die richtige Kleidung auf („Der Kunde darf das Hemd vom Beginn des Monats nicht wiedererriechen“), die individuelle Verbindungsmelodie am Telefon („Blue Eyes“ für einen Boxer) und die neusten Verkaufstrends auf („Sparstrumpf mit Durchzug“ für Hartz IV-Empfänger). Dabei ließ er eine Spendenbüchse für die Deutsche Bank herumgehen und forderte, für den Euro die alte Abkürzung DM beizubehalten – für Doppel-Mark. In der Rolle eines Arztes machte Georgi Werbung für Medikamente gegen Krankheiten, „die es vorher noch gar nicht hab“. Als Schauspieler Klaus Maria von Hase hielt er eine Dankesrede mit Grüßen an Marcel Reich-Ranicki und als Chantal wünschte er sich live auf RTL II eine „Totalabsaugung“.
Zwischendurch streuten Georgi mit dem Akkordeon und Bauschulte an der Gitarre passende Lieder ein. Der Schlagzeuger, dessen Stelle wegrationalisiert worden sei, war dabei (vorgeblich) per Telefon live aus seinem Wohnzimmer in Aachen zugeschaltet. Ein Höhepunkt war das Gesangsduett der beiden Männer über die Tugenden des guten Deutschen, der seiner Frau auch mal einen Blumenstrauß ins Frauenhaus bringt.

Mit und ohne Humor – der Schlag sitzt

„Das ist aber makaber“, konnte sich eine Frau aus dem Publikum nicht verkneifen zu sagen, als Georgi Reisesärge mit der Schokoladenwerbung „quadratisch – praktisch – gut“ anpries. Ganz nach seinem Rat, den Humor der Kunden vorsichtig auszutesten, reichte Georgis Bandbreite von Kalauern, die mit „Hossa, Hossa“ unterlegt wurden (Helmut Kohl im Smart – „da stellte sich die Frage: Gnadenschuss oder Schweißbrenner“), bis hin zu Analysen: „Das ist die Logik der GEZ: Ich muss für ein internetfähiges Gerät zahlen, obwohl ich keinen Internetanschluss habe. Als nächstes beantrage ich Kindergeld: Ich hab zwar noch keine, aber das Gerät zur Herstellung ist vorhanden.“
Kritik und Witz folgten Schlag auf Schlag, dass eine Frau im Publikum schließlich atemlos rief: „Bin noch nicht fertig mit Lachen!“ Dass ihm das Lachen jedoch bei bestimmten Themen endgültig vergehen kann, zeigte sich, als Georgi den Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr thematisierte und frei nach dem Tucholsky-Zitat „Soldaten sind Mörder“ sagte: „Politiker, die junge Menschen in einen ‚robusten Friedenseinsatz’ schicken, sind Auftragsmörder.“
Am Ende dankte Georgi seinen Eltern, dass sie ihn gezeugt und somit das Seminar möglich gemacht hätten. Die Seminarteilnehmer zeigten sich zufrieden. Als Monika Scharf, die den Abend mit organisiert hatte, allen ein Wiedersehen in der Bibliothek wünschte, tönte es zurück: „Na klar!“

Text und Fotos: Andrea Weil